100 Jahre Leben machen müde
Immer mehr Menschen werden immer älter. Beobachtungen zu einem 100. Geburtstag, wenn das Leben selbst zur Leistung wird. Von Silvia Pistotnig, DER STANDARD Printausgabe vom 20.02.2009 (gekürzt):
“…Der Winter ist schwierig, die Kälte greift seinen Körper an, der ein Leben lang geschunden wurde und sich jetzt ausruhen darf. Wie ungewohnt für einen Menschen, der ein Sportlerherz hat, obwohl der Opa in seinem ganzen Leben kein Mal trainiert hat, nur geschuftet. Er versteht nicht, dass Leute laufen, klettern, Gewichte heben – wie sollte er auch? Er hat auf dem Feld gearbeitet, im Wald, immer an der frischen Luft. Und während der langen Wintermonate drängt es ihn schon nach draußen und er sehnt sich nach ein bisschen Wärme und Bewegung…
Wenn es draußen wieder wärmer wird, legt er sich in einen uralten, durchgesessenen Liegestuhl im Garten. Jetzt im Winter bleibt er in seinem Fernsehstuhl, den es gar nicht gäbe, wäre es nach dem Opa gegangen. So etwas braucht man nicht, hat er gesagt, als das Lederungetüm im Wohnzimmer stand. Irgendwann setzte er sich hinein. Lehnte sich zurück. Die Füße hoch. Mittlerweile hat er den ersten durchgesessen. Beim zweiten sagte er nichts mehr gegen den Kauf. Sein Schnarchen wurde früher von dem seiner Frau unterbrochen, die neben ihm auf dem Sofa lag, auch ihr Kopf war nach hinten gefallen und der Mund weit geöffnet. Die Omi, die sich zum Ende zurückverwandelte in ein kleines Kind, das Angst hatte und nur mehr vor sich hinbrabbelte. Essen fiel ihr aus dem Mund. Sie umarmte und küsste die Schwiegertochter auf die Wange. Die Omi starb zuhause im Wohnzimmer, neben ihr die Schwiegertochter, die zur Mutter einer alten Frau und eines alten Mannes geworden war…
Tag für Tag hat der Opa Schmerzen oder er spürt etwas. Das Herz, die Niere, die Leber und die Augen, überhaupt alles. Ich muss zum Arzt, sagt er, mir geht es nicht gut. Er will zum Hausarzt, zur Augenärztin, ins Krankenhaus gefahren werden. Er nimmt Tabletten, die ihm verschrieben werden und solche, die ihm nicht verschrieben werden. Er nimmt die, die abgelaufen sind und jene, die seiner Frau gehörten. Helfen tun sie alle nicht, sagt er. Er jammert und das macht ihn lästig. Bitte Opa, hör endlich auf…
Er hört um sieben die Nachrichten im Radio, zum Frühstück die um acht, am Vormittag liest er Zeitung, dann Mittagessen, Mittagsjournal und Landesnachrichten, Abendessen um fünf und wieder Radio, Kärnten heute um sieben und ZIB 2 um halb acht. Sein Leben folgt Ritualen, die er einhält, sie ordnen seinen Tag, geben ihm Halt, in einer Welt, in der er es für Menschen seines Alters keine Orientierung mehr gibt. Was soll man mit Wörtern wie Handy, wenn man mit Saudirnen und Rossknechten aufgewachsen ist? Aufstehen und arbeiten, im Holzschlag, als Berufsjäger, Gutsverwalter – Jobhopping nennt man das heute. Nur manche Begriffe gab es damals schon und gibt es immer noch. Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit zum Beispiel…
Der Opa wird zärtlicher, jetzt darf er es. Nicht nur sein Körper, auch er selbst ist weicher geworden. Auch seiner Frau gegenüber, der Opa half der Omi die Schürze zuzuknöpfen. Er erinnerte sie daran, Tabletten zu nehmen. Am Abend sagte er zu ihr: Omi, gehen wir schlafen. Er nahm einen Stock und sie ihren. Gemeinsam stapften sie die steile Stiege hinauf, eine Stufe, zwei, drei. Gab es eine Zeit, in der er sie Julie genannt hat? Was war, bevor sie zur Omi wurde, vor über 30 Jahren. Wer war sie da? Gab es überhaupt eine Julie und einen Jakob? Zwei Namen, wie aus einem Liebesroman. Namen, die nie genannt werden. Es sind Omi und Opa.
Er hatte Angst um die Omi, die wieder zum Kind wurde, die streunende Katzen fütterte und vor sich hin redete, manchmal die ganze Nacht durch. Die Frau, die so lang an seiner Seite gelebt hatte, dass er dachte, es gebe kein Leben ohne sie und dann war es plötzlich so. Sie gehe ihm ab, sagt er, sie war der letzte Mensch, der in seiner Zeit lebte…
In seinem Kopf reichen die Geschichten weit zurück. Der Erste Weltkrieg, das Zuhause, das er mit 16 verlassen hat, um Arbeit zu finden. Menschen, denen er begegnet ist. Wie viele Menschen haben in 100 Jahren Platz? Wie viel Erinnerung, was ist gespeichert und was vergessen? Er hat nicht vergessen, dass sein Vater zu ihm, damals ein kleines Kind, sagte: „Stell dir vor, der Krieg ist ausgebrochen!”, er hat nicht vergessen, dass der Chef einer italienischen Holzfirma sagte: „Ich kenne Sie, für Sie lege ich die Hand ins Feuer”, er hat nicht vergessen, dass die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee sein Haus durchsuchte und sagte: „Wenn wir auch nur eine Patrone finden, bist du tot!”, er hat nicht vergessen, dass er seinen ersten Bock am 1. Oktober 1929 erlegte. Ein Mensch als Lexikon an Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken.
An Festtagen sagt der Opa, dass es wohl sein letzter Geburtstag sein wird, das letzte Weihnachten oder das letzte Ostern, bei dem er dabei sein kann. Bald, sagt er, würde er da oben liegen. Mit da oben meint er nicht den Himmel, sondern den Friedhof, der im Ort auf einer kleinen Anhöhe liegt und auf dem der Platz für ihn schon reserviert ist. Neben seiner Frau. Gehen wir schlafen, Omi.”
Verwandte Artikel:
28. März 2010
2 responses to 100 Jahre Leben machen müde
Jetzt stehen mir doch wirklich ein wenig die Tränen in den Augen. Ich weiß gar nicht ob ich so alt werden möchte. 100 Jahre, ich will nicht wissen wie viele Geliebte Menschen er schon gehen lassen müsste, wie viele Schmerzen er in seinen Körper wirklich schon fühlt, wie viel von ihm noch da ist.
Aber solange er noch in Würde leben kann ist es das Leben auch wert gelebt zu werden.
Vor einem Monat verfasste ich – auf Wunsch – ein Gedicht für eine rüstige Dame zum 100.Geburtstag, die zufrieden in einem Altersheim in Innsbruck lebt.
Sie und ihr Sohn, freuten sich ungemein und dankten mir schriftlich mit einem Erinnerungsfoto. Ist das nicht schön?
Maria weiß heut ganz genau:
Sie ist die größte Power-Frau,
denn 10 mal 10 – ein Leben lang
zieht man nie an dem gleichen Strang.
Die NEUNUNDNEUNZIG sind verstrichen,
doch ist das Lächeln nie gewichen.
Die 100 wird nun groß gefeiert,
der Anlass dazu nicht verschleiert.
Wer wird schon HUNDERT – oh pardon:
Das ist Maria heute schon.
Mit Schwung hat Hürden sie bezwungen
und viel im Leben ist gelungen.
Zum Glück war sie bereit zu bleiben,
kann sich die Zeit beim Plausch vertreiben.
Es ist ja auch viel schöner hier,
als ganz allein zu sein – mit ihr.
Es werden viele zu ihr sagen:
„Bleib wie Du bist an all den Tagen!“
Die Haare werden kaum mehr grauer,
man siehst auch deshalb nicht genauer.
Wenn’s zwickt im Kreuz, darf sie auch klagen,
die Schwester um die Salbe fragen.
Und kommt der Toni sie besuchen,
wird sie ihm froh entgegen rufen.
Genieße diesen EHRENTAG,
vergiss was früher Müh und Plag!
Alles GUTE, Gesundheit und Freude zum 100.Geburtstag!
© Ingrid Riedl
http://www.ingridriedl.net