Neil Postman (1931-2003)
Wer sich heute mit den modernen Medien kritisch auseinandersetzt, kommt an den Thesen des Medienkritikers Neil Postman nicht vorbei. Der amerikanische Professor für Kommunikationswissenschaft war nicht der Erste, der sich mit dem Einfluss der Massenmedien auf die Gesellschaft beschäftigt hat; sein Blick war jedoch besonders düster. Der Titel seines 1985 erschienenen Buches “Wir amüsieren uns zu Tode” ist zu einem geflügelten Wort in der Medienlandschaft geworden. Neil Postman prägte auch den Begriff “Infotainment” und beklagte in diesem Zusammenhang die Infantilisierung der Gesellschaft.
Die These in “Wir amüsieren uns zu Tode” lautet, daß die Medien zunehmend bestimmen wie wir denken, was und wie wir empfinden, ja, was wir von uns selbst und voneinander halten sollen. Zum ersten Mal in der Geschichte gewöhnen sich die Menschen daran, statt der Welt selbst, Bilder von ihr ernst zu nehmen. An die Stelle der Erkenntnis- und Wahrnehmungsanstrengung tritt das Zerstreuungsgeschäft. “Problematisch am Fersehen ist nicht, daß es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, daß es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert”. Die Folge davon ist ein Verfall der menschlichen Urteilskraft.
Sein Buch “Das Verschwinden der Kindheit” handelt von dem vielleicht folgenschwersten kulturellen Kolonisierungsunternehmen der Gegenwart: der Zerstörung der Kindheit durch die Mißachtung ihrer Spielräume, ihrer inneren Geschichte und ihrer spezifischen Zeitrechnung. Die Vorstellungs- und Empfindungswelt der Kindheit ist dann abgeschafft, wenn die Kinder und Jugendlichen nur noch zu Erwachsenen-Wünschen fähig sind. “…es ist für die elektronischen Medien unmöglich, irgendwelche Geheimnisse zu bewahren. Ohne Geheimnisse aber kann es so etwas wie Kindheit nicht geben.”
Die Zunahme des Erlebens aus zweiter Hand und das massenhafte Angebot an simulierter Realität durch Radio, Fernsehen und Internet beschleunigt sich immer mehr. Die Massenmedien beliefern jeden Einzelnen mit Bildern und Worten und nehmen ihm die eigene Erkundung und Erfahrung der Welt mehr und mehr ab. Sie schaffen eine Scheinwirklichkeit, die die entferntesten Dinge vertraut erscheinen läßt. Aber diese bleibt mangels eigener Erfahrungen unbelebt und im wahrsten Sinn des Wortes und “sinn-los”.
Neil Postman spricht in einem Interview über das Elend der Postmoderne, das Schreiben mit Füllfeder und die Notwendigkeit einer neuen Aufklärung.
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12. September 2006