Henriette von Schirach, Erinnerung
Henriette von Schirach, Ehefrau von Baldur von Schirach dem Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien, gibt ein Zeugnis über ihre Erinnerung an einen Besuch auf Hitlers Berghof im Frühjahr 1944, wo sie gewagt hatte, diesen auf die Deportation der holländischen Juden direkt anzusprechen. Die Authentizität dieser Gesprächssituation ist unter Historikern umstritten, gibt aber eine düstere Ahnung…
Über die Erinnerungslitertur zum Dritten Reich
“…Hitler wandte sich dann an mich und fragte in freundlichem Ton: ‘Sie kommen gerade aus Holland, nicht wahr?’ Obwohl ich an dem Abend schon einen doppelten Cognac getrunken hatte, kam der Augenblick doch unerwartet. Ich holte tief Luft und antwortete ihm: ‘Ja, darum bin ich hier. Ich wollte Sie sprechen, denn ich habe schreckliche Dinge gesehen und kann nicht glauben, dass Sie davon wissen. Es waren hilflose Frauen, die zusammengetrieben wurden, um in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden, und ich denke nicht, dass sie je wieder zurückkommen werden.’ Es herrschte eine peinliche Stille; alle Farbe war aus Hitlers Gesicht verschwunden. Beim Schein der Flammen erschien es wie eine Totenmaske. Er schaute mich entgeistert und zugleich erstaunt an uns sagte: ‘Es ist nunmal Krieg’. Sehr vorsichtig stand er auf, noch immer herrschte eine eisige Stille im großen Saal. Nur das Geknister der brennenden Holzblöcke war zu hören. Ich war auch aufgestanden. Da schrie er mich an: ‘Sie sind sentimental, Frau von Schirach. Sie müssen lernen zu hassen. Was gehen Sie die Jüdinnen in Holland an?’ Inzwischen hatte er, wie früher, meine Handgelenke genommen, und sie mit beiden Händen umfasst, damit ich mich besser auf ihn konzentrieren könnte. Auf einmal ließ er mich los. ‘Begreifen Sie nicht, jeden Tag fallen Zehntausende meiner besten, meiner kostbarsten Soldaten. Die anderen fallen nicht; sie leben in den Konzentrationslagern. Die Minderwertigen leben, und wie sieht Europa dann in hundert Jahren aus? Oder in tausend Jahren? Ich bin nur meinem Volk gegenüber verantwortlich und niemand anderem.’ Der Rest der Gesellschaft war mäuschenstill. Niemand sah mich an. Ich lief aus dem Saal, und als ich in der Eingangshalle ankam, begann ich zu rennen. Einer von Hitlers Adjutanten kam hinter mir hergelaufen. Der Führer war rasend. Ich wurde aufgefordert, augenblicklich den Obersalzberg zu verlassen…”
Quelle: Capelle/Bovenkamp, Der Berfhof, Adlerhorst – Hitlers verborgenes Machtzentrum, Verlag Tosa, S. 128f
Ergänzende Materialien (wie z.B. Literaturliste oder Linksammlung) zum Nationalsozialismus finden sich bei Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten.
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18. April 2006